Chance für mehr Teilhabe und ein ehrlicher Blick auf Prozesse: Am 8. September 2026 diskutierten mehr als 200 Expert*innen aus Wissenschaft, Sozialwirtschaft und Leistungsträgern an der Fachhochschule Dortmund über den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) in der Eingliederungshilfe.
Kann KI Menschen mit Einschränkungen zu mehr Selbstbestimmung verhelfen? Wo entlastet sie Fachkräfte der Sozialen Arbeit im Alltag? An welchen Stellen erfordert der Wandel ein grundlegendes Umdenken in Praxis, Verwaltung und Ausbildung? Bei der Fachtagung „KI in der Eingliederungshilfe“ an der FH Dortmund wurde deutlich: KI bietet enorme Chancen für eine barrierefreie Kommunikation und beschleunigte Verfahren, legt dabei schonungslos offen, wo analoge Prozesse und Datenstrukturen bisher versagten. Gleichzeitig stellen algorithmische Bewertungen auch ein Risiko dar.
Der regelmäßig stattfindende Fachtag am Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften wird in Kooperation mit der Landesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen und dem Heilpädagogischen Zentrum Krefeld/Kreis Viersen organisiert.
Von Übersetzungshilfen bis zum digitalen Antragssystem
Die Bandbreite konkreter KI-Anwendungen in der Eingliederungshilfe ist bereits heute beachtlich. In einem der Impulsvorträge stellte das Projekt KARLA (u.a. entwickelt unter Mitwirkung der TU Dortmund) eine KI-gestützte Anwendung vor, die oftmals schwer verständliche Behördenschreiben automatisiert in leichte beziehungsweise einfache Sprache übersetzt. Ziel ist es, Menschen die selbstbestimmte Teilhabe ohne ständige fremde Assistenz zu ermöglichen.
In mehreren Fach-Workshops wurden anschließend praxisnahe Initiativen vertieft:
- Der Paritätische NRW präsentierte mit IANOS eine ganze Plattform mit intelligenten Assistenten zur administrativen Entlastung von Mitarbeitenden in Einrichtungen.
- Thomas Haberl vom Landschaftsverband Rheinland (LVR) erläuterte den Einsatz KI-gestützter Assistenzsysteme bei der Ermittlung von Unterstützungsbedarfen und Leistungsanträgen.
Zahlreiche weitere Beispiele wurden erörtert. „Schlechte analoge Prozesse werden allerdings durch Technologie nicht besser“, betonte Prof. Dr. Sabine Sachweh vom Institut für die Digitalisierung der Arbeits- und Lebenswelten der FH Dortmund in der abschließenden Podiumsdiskussion. „Wir müssen genau prüfen, wie und wo wir Technik einsetzen, was die konkreten Risiken sind und wo ein echter Gewinn entsteht“, mahnte auch Brigitta Neumann, Partnerin und Mitglied der Geschäftsleitung bei „contec“. Es brauche in Unternehmen und Organisationen eine klare strategische Linie statt unstrukturierter Einzelinitiativen.
„Die vielleicht größte Chance liegt darin, dass KI uns schonungslos offenlegt, wo es in den Organisationen bisher nicht funktioniert“, skizzierte Maximilian Weiß, Fachreferent für Digitalisierung und Transformation beim Paritätischen NRW. „Wenn wir die Augen davor nicht verschließen, ist genau das ein gewaltiger Fortschritt.“
Gleichzeitig wurden Warnsignale formuliert: Wenn Algorithmen dazu genutzt werden, Leistungen pauschal zu beschreiben oder zu bewilligen, bestehe die Gefahr, dass der individuelle Einzelfall in „digitalen Schubladen“ verloren gehe. „Künstliche Intelligenz kann uns bei der Datenaufbereitung oder Barrierefreiheit enorm unterstützen, doch die ethische Bewertung und die pädagogische Entscheidung müssen immer in den Händen der Fachkräfte bleiben“, betonte Dr. Michael Weber, Geschäftsführer des Heilpädagogischen Zentrums Krefeld/Kreis Viersen in der Diskussion.
Konsequenzen für Ausbildung und Wissenschaft
Für die Wissenschaft und die Hochschulen ergeben sich aus dieser Entwicklung Konsequenzen. Informatik-Professorin Sabine Sachweh betonte die Notwendigkeit einer Transformation auch in der Hochschulausbildung. „Bisher haben wir in der Informatik sehr in die Breite geschult. Doch Absolvent*innen werden künftig nicht mehr viele Programmiersprachen beherrschen müssen.“ Wichtiger seien ein grundlegendes technisches und prozessuales Verständnis, das Abschätzen von Technikauswirkungen sowie ethische Urteilskraft: Was ist angemessen, was ist gut, wo liegen Gefahren?
Prof. Dr. Michael Boecker unterstrich abschließend die integrative Notwendigkeit von Inter- und Transdisziplinarität: „Durch KI werden wir in der Wissenschaft gezwungen, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Wir müssen die Betroffenen und Zielgruppen von Anfang an direkt in die Entwicklung von Systemen einbinden. Nur so stellen wir sicher, dass KI als Werkzeug für Barrierefreiheit, soziale Gerechtigkeit und menschliche Miteinander dient.“