Die Reform der privaten geförderten Altersvorsorge bringt ab 2027 mehr Flexibilität und faire Kostenstrukturen. Prof. Dr. Matthias Beenken, Versicherungsexperte an der Fachhochschule Dortmund, gibt Orientierung zum Start des neuen Altersvorsorgedepots.
Ab 2027 soll das Altersvorsorgedepot die Riester-Rente ablösen – ohne Garantiezwang, mit höheren Renditechancen und günstigen Konditionen, beispielsweise durch eine Anlage in ungemanagten Fonds (ETFs). Viele private Anbieter und Neobroker stehen in den Startlöchern, werben bereits um Kund*innen. „Das staatlich organisierte Standardangebot wird dagegen wohl nicht rechtzeitig zum Jahresbeginn verfügbar sein“, prognostiziert Prof. Dr. Matthias Beenken. Lohnt es sich zu warten?
Prof. Beenken lehrt und forscht zum Schwerpunkt Versicherungswirtschaft an der FH Dortmund. Er sagt: „Wer bislang noch keine Altersvorsorge aufgebaut hat, sollte die Chance nutzen und die Entscheidung nicht wieder auf die lange Bank schieben.“ Auf ein staatliches Standardangebot zu warten, bringe keinen klaren Vorteil. Eine zentrale Stärke der Neuregelung der geförderten, privaten Altersvorsorge sei das Verbot anfänglicher Abschlusskosten. Dadurch entstehe echte Wechselfreiheit, da Guthaben leichter zu anderen Anbietern übertragbar ist.
Altersvorsorgereform: Mit 85 in die Altersarmut?
Grundsatzfrage ist entscheidend
Gleichwohl rät der Versicherungsexperte einen kühlen Kopf zu bewahren und warnt vor übereilten Entscheidungen. „Verbraucherinnen und Verbraucher müssen sich vorab die Grundsatzfrage stellen: Will ich Altersvorsorge vorrangig als reine Geldanlage betreiben oder möchte ich Altersvorsorge im Sinne einer garantierten, lebenslangen Rente? Wer bis an sein Lebensende abgesichert sein will, kommt an einer Rentenversicherung auch weiterhin nicht vorbei.“ Die gibt es künftig in verschiedenen Varianten, und zwar mit 100 oder 80 Prozent Garantie oder ohne Garantie. Ein reines Investmentsparprodukt wie das Altersvorsorgedepot berge die Gefahr der vorzeitigen Plünderung – etwa für den Autokauf oder eine Immobilie. Auch Wertschwankungen während Börsenkrisen machen manche Kund*innen nervös und verleiten zum voreiligen Ausstieg. „Wer die Disziplin nicht aufbringt, das Geld bis zum Renteneintritt unberührt zu lassen, muss die staatlichen Förderungen zurückzahlen.“ Für diese Personen kann eine Versicherungslösung sicherer sein.
Beratung empfohlen
Prof. Beenken sieht daher weiter Beratungsbedarf. „Das Altersvorsorgedepot klingt auf den ersten Blick erfreulich einfach, hat aber im Detail Tücken.“ Zu besonderer Vorsicht rät er denjenigen, die bereits einen Riester-Vertrag besitzen. „Die bisherige Riester-Förderung war insbesondere für Geringverdienende und Familien mit Kindern durch die festen Zulagen gut. Da sich die neue Förderung strikt an den Eigenbeiträgen orientiert, profitiert längst nicht jeder von einem Wechsel.“ Eine unabhängige Beratung für die passende Produktwahl und die strategische Ausrichtung ist laut Prof. Beenken daher weiterhin dringend zu empfehlen. „Beim Altersvorsorgedepot muss man seinen Auszahlungsplan selbst managen und mit dem Risiko leben, dass das Geld nicht bis zum Lebensende reichen könnte. Gute Beraterinnen und Berater werden diese Zusammenhänge und die Vor- und Nachteile der verschiedenartigen Produkte erläutern.“
Zugleich mahnt er die Politik zu einer grundlegenden Reformarchitektur bei der Rente. „Deutschland zäumt die Altersvorsorge wieder von hinten auf. Statt die private – und freiwillige – dritte Säule mühsam nachzubessern, bräuchten wir ein Gesamtkonzept aus einem Guss – mit einer soliden Grundrente und einer verpflichtenden betrieblichen Vorsorge“, so der Ökonom.